15.12.2008

Reformationsdekade bietet Gelegenheit zum Ausgleich / Weihnachtsbrief 2008 des Direktors der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten


Sehr geehrte Mitglieder des Melanchthonvereins,
liebe Freundinnen und Freunde des Melanchthonhauses, sehr geehrte Damen und Herren,

nach christlichem Verständnis beginnt – wie Sie sicher wissen – das neue Kirchenjahr mit dem 1. Advent. Obwohl diese Tradition wohl schon ein Jahrtausend alt ist, begegnet dieser Begriff erstmals in einer Postille des lutherischen Theologen Johann Pomarius (Baumgarten), Pfarrer zu Magdeburg, aus dem Jahr 1589. So ist auch dieses Weihnachts-schreiben vor allem ein Ausblick auf das, was sich im Umkreis des Melanchthonhauses und der Europäischen Melanchthon-Akademie in diesem neuen Kirchenjahr ereignen wird.

Sichtbarer Ausblick ist der Neubau des sog. Strasserhauses (Melanchthonstr. 3), das zukünftig hauptsächlich von der Melanchthon-Akademie genutzt werden wird. Mit diesem Neubau entsteht ein völlig neues Ensemble an einer prominenten Stelle der Melanchthonstadt, das historisierende (Melanchthon-Akademie), neugotische (Melanchthonhaus) und zeitgenössische, architektonische Elemente (gläserner Verbindungsbau beider Häuser) miteinander verbinden wird. Hinzu kommt die künstlerische Gestaltung der drei Blindfenster der Westfassade, deren Ausführung eine Jury in diesen Tagen beschließen wird. Immerhin erreichten uns 15 Entwürfe für diese Gestaltung, die unter dem Thema steht „Die drei kulturellen Säulen Europa“ (Athen: Bildung, Literatur, Philosophie; Jerusalem: Offenbarungsreligion; Rom: Rechtsstaatlichkeit). Mit diesem Thema meinen wir nicht nur die umfassende Wirkungsperspektive Melanchthons und anderer Humanisten zum Ausdruck zu bringen, sondern auch die Aufgabe der Selbstvergewisserung des heutigen Euro-pa. Man darf gespannt sein, wie dieses Gesamtkunstwerk des Neu- und Umbaus Mitte nächsten Jahres fertig gestellt sein wird. Die Eröffnung werden wir jedenfalls in einer geeigneten Weise begehen. Einladungen werden Sie dazu recht-zeitig erhalten.

So wichtig äußere Arbeiten sind, so wichtig ist darüber hinaus, diese auch mit innerem Leben zu füllen. Es darf als eine Gunst der Stunde angesehen werden, dass dieser Neu- und Umbau in einer Zeit abgeschlossen sein wird, in der weitreichende Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen. 2010 werden wir das Melanchthon-Gedenkjahr aus Anlass des 450. Todestages, federführend von der Melanchthon-Akademie und in Kooperation mit dem Melanchthonhaus in Wit-tenberg, begehen. Schon heute darf ich Sie auf die wichtigsten Daten dieses Gedenkjahres hinweisen. Eröffnet wird es durch einen Staats- und Festakt am Reformationstag, dem 31. Oktober 2009, in der Melanchthonstadt. Der von den Bischöfen Dr. Ulrich Fischer und Erzbischof Dr. Robert Zollitsch gewünschte „Ökumenische Gottesdienst“ an diesem Tag wird übrigens um 10.00 Uhr live aus der Stiftskirche in der ARD übertragen. Zum anschließenden Festakt werden Ministerpräsident Günther Oettinger, der Ratsvorsitzende der „Evangelischen Kirche in Deutschland“ Bischof Dr. Wolfgang Huber und Walter Kardinal Kasper, Präsident des „Rates für die Einheit der Christen“, in der Melanch-thonstadt erwartet.


Natürlich wird es in diesem Gedenkjahr eine Fülle von Veranstaltungen, getragen auch von den Melanchthon-Gemeinden und –Gymnasien in Deutschland, geben. Wir bereiten einen ausführlichen Veranstaltungskalender vor, den wir rechtzeitig zur Verfügung stellen werden. Auf eine Veranstaltungsreihe möchte ich Sie jedoch schon heute mit besonderem Nachdruck aufmerksam machen. Am 19. September 2008 wurde in Wittenberg feierlich das ursprünglich als Reformationsdekade, nunmehr als Lutherdekade bezeichnete Reformationsgedächtnis eröffnet, welches das Ereignis „500 Jahre Reformation“ vorbereiten soll. In diesem Zusammenhang hatte es der Ratsvorsitzende der „Evangelischen Kirche in Deutschland“, Bischof Dr. Wolfgang Huber, als „Aufgabe einer gemeinsamen Interpretation der Reformation und ihrer Folgen“ (bezeichnet), im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 (...) zu erkunden, ob evangelische und katholische Theologie vom reformatorischen Aufbruch und der römisch-katholischen Reaktion auf ihn ein gemeinsames Bild entwerfen können.“ Dieses Angebot hatte auch der damalige Vorsitzende der „Deutschen Bischofskonferenz“, Kardinal Karl Lehmann, aufgegriffen und „das Reformationsjubiläum von 2017 (als) Gelegenheit eines Ausgleichs und der Vertiefung“ begriffen, „indem mit den ersten 1500 Jahren des Christentums die gemeinsame Kontinuität des Kir-cheseins stärker in den Blick gerät.“ Die Frage, was dies konkret bedeuten kann, hat uns dazu geführt, in Zusammen-arbeit mit dem Roncalli-Forum Karlsruhe und dem Institut für ökumenische Forschung in Strasbourg eine Vortragsreihe zu konzipieren, die unter dem Thema „Ökumene heute“ steht. Bischöfe und Ökumeniker aus der lutherischen, katholischen und reformierten Welt werden dieser Frage in den unterschiedlichen Zusammenhängen nachgehen und uns auf diese Weise eine Art „ökumenischer Bestandaufnahme“ bieten können. Die Vorträge, die sich auf die Jahre 2009-2010 erstrecken, werden wechselseitig in der Gedächtnishalle des Melanchthonhauses und im Roncalli-Forum Karls-ruhe stattfinden. Wir verstehen diese Vortragsreihe als einen spezifischen Beitrag zum Reformationsgeschehen, der sich mit dem Namen Philipp Melanchthon verbindet, der selbst immer wieder das Gespräch miteinander gesucht und geför-dert hatte. Die jeweiligen Termine, Themen und Referenten werden wir rechtzeitig veröffentlichen.

Zunächst aber dürfen wir uns gemeinsam auf das Weihnachtsfest freuen. Im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mit-arbeiter der „Europäischen Melanchthon-Akademie“ wünsche ich Ihnen eine gesegnete Weihnacht und ein gnadenreiches Jahr 2009

Ihr

Dr. Günther Frank
Kustos des Melanchthonhauses
Direktor der Europ. Melanchthon-Akademie