Unterhaltsträger: Melanchthonverein Bretten und Land Baden-Württemberg
Funktion: Wissenschaftliche Spezialbibliothek zur Melanchthon-Forschung
Sammelgebiete: Melanchthon, Reformatoren und Humanisten aus Melanchthons Umgebung
Benutzungsmöglichkeiten: Präsenzbibliothek, Benutzung nach Anmeldung und mit wissenschaftlichem Nachweis
Bestandsgeschichte
Die
Bibliothek des 1903 eingeweihten Melanchthon-Gedächtnishauses hat ihren
Grundstock in den Schenkungen und dem Nachlass des Berliner
Kirchenhistorikers Nikolaus Müller (1857-1912). Er initiierte 1897 zum
400. Geburtstag Melanchthons die Einrichtung des Melanchthonhauses,
entwarf die Außen- und Innengestaltung und konzipierte die Aufgaben des
Hauses, einerseits als Museum und Gedächtnisstätte, andererseits als
Bibliothek mit Handschriften- und Buchbeständen aus der
Reformationszeit.
Durch seine Vermittlung kamen 400 Bände aus dem Nachlass des 1896
verstorbenen Theologen Wilhelm Krafft und Dubletten der Wittenberger
Lutherhalle hinzu. Darüber hinaus flossen der Bibliothek auch
reichhaltige Stiftungen zu, z.B. des Großherzogs Friedrich I. von
Baden, der Herzogin Marie von Anhalt - dieser Bestand ist durch die
prachtvollen anhaltinischen Einbände herausgehoben - und des Brettener
Stadtrats Georg Wörner. 1903 konnten ca. 3000 Titel (Monographien und
Forschungsaufsätze) gezählt werden. Hinzu kamen 1912 etwa 1200 Bände
aus Nachlass Nikolaus Müllers. Nachdem für 1960 5140 Titel notiert
worden waren, wuchs der Bestand, insbesondere durch die Schenkung des
1976 verstorbenen Melanchthon-Bibliographen Wilhelm Hammer (ca. 1300
Titel, zumeist 20. Jh.) auf heute ca. 11000 Titel (Monographien und
Forschungsaufsätze) an.
Die bibliothekarische Betreuung liegt seit 1987 in den Händen der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe und des Melanchthonhauses Bretten. 1988 wurde von der Stadt Bretten die Stelle eines wissenschaftlichen Kustos errichtet.
Bestandsbeschreibung:
Grundlage der folgenden Zahlen ist ein 1946 angefertigtes
maschinenschriftliches alphabetisches Bücherverzeichnis mit
handschriftlichen Zusätzen späterer Zugänge. Die Angaben wurden
vereinzelt durch Autopsie überprüft.
a. Chronologische Übersicht und Übersicht nach Sprachen
Bei einem Gesamtbestand von ca. 11000 Titeln umfasst der
historische Bestand 4277. Er setzt sich zusammen aus einer Inkunabel,
2174 Bänden des 16. Jahrhunderts, 150 Bänden des 17. Jahrhunderts, 331
Bänden des 18. Jahrhunderts und 1576 Bänden des 19. Jahrhunderts; 47
Titel sind ohne Jahresangabe.
Zu der lateinischen Inkunabel (Reuchlin) kommen aus dem 16.
Jahrhundert 1382 lateinische Drucke, außerdem 784 deutsche und 5
französische (Calvin). Aus dem 17. Jahrhundert liegen 91 lateinische
und 54 deutsche Titel vor; aus dem 18. Jahrhundert 123 lateinische und
206 deutsche Titel; aus dem 19. Jahrhundert 121 lateinische und 1398
deutschen Titel. Die übrigen Sprachen sind unerheblich: insgesamt 54
Titel (davon 16 französische, 19 griechische).
b. Systematische Übersicht
Die Bibliothek dient der Erforschung der Reformation und des
Renaissance-Humanismus. Im Mittelpunkt steht die Beschäftigung mit
Philipp Melanchthons Leben und Werk. Die Systematik, die auf den
Bibliothekar D. Dr. Otto Beuttenmüller zurückgeht, trennt Primär- und
Sekundärliteratur. 1130 Bände (davon mehr als die Hälfte historischer
Altbestand) sind an Werken Melanchthons vorhanden - selbständige Werke
oder Werke mit Beiträgen von ihm (Vorrede, beigegebenes Gedicht etc.).
Es war das Ziel Müllers, das gesamte wissenschaftliche und
literarische Schaffen Melanchthons zu dokumentieren. Dies war
angesichts des in vielen Auflagen publizierten Gesamtwerks schwierig.
Doch gelang es durch umsichtige Erwerbung, die nach Halle und Nürnberg
drittgrößte Sammlung an Melanchthon-Drucken aufzubauen. So liegen z.B.
die Loci communes in ihren drei Fassungen (1521, 1535, 1543) mehrfach
vor, ebenso die deutschen Versionen (1522, 1536, 1542, 1553). Neben den
Grammatiken (griechisch und lateinisch), die mit verschiedenen Auflagen
vertreten sind, dokumentieren die Editionen und Kommentare griechischer
und lateinischer Autoren (Demosthenes, Cicero, Iustinus, Basilius,
Hesiod, Lykurg, Heliodor, Ptolemaios, Sallust, Euripides) und die
Schulordnungen die breite Wirksamkeit des Praeceptor Germaniae. Die
Lehrbücher zu Rhetorik, Dialektik, Prosodie, Numismatik, Psychologie
(De anima) etc. sind ebenfalls vorhanden. Das religiös-theologische
Schrifttum des Reformators reicht von Bibelkommentaren über
kirchenpolitische Schriften bis hin zu Deklamationen. Bei letzteren ist
die Identifizierung besonders schwierig, da Melanchthon oft für Schüler
und Kollegen Reden schrieb, die dann unter dem Namen des Rezitators
gedruckt wurden (sehr hilfreich ist hierzu die genannte Arbeit von
Horst Koehn ).
Gesammelt wurden außer dem Werke, zu denen Melanchthon nur ein
Vorwort oder ein Gedicht beigetragen hat. Hervorzuheben sind die
Scripta publica der Universität Wittenberg (Wittenberg 1560 ff.), die
für die Zeit von 1540 bis 1561 das akademische Leben an der Leucorea
anhand von Vorlesungsankündigungen, Nachrufen und Bekanntmachungen
dokumentieren. Durch Vergleich der Einbandgestaltung konnte
nachgewiesen werden, dass ein Exemplar von Melanchthons
Römerbrief-Kommentar (M 125) aus der Privatbibliothek Luthers stammt.
Die Bibliothek besitzt 817 Titel über Melanchthon. Für die Zeit
von 1519 bis 1970 ist die Literatur über ihn von W. Hammer
zusammengestellt; dort sind bei den einzelnen Titelbeschreibungen die
Standorte angegeben, darunter in der Regel Bretten. Die Bestände bieten
außer der Forschungsliteratur auch zahlreiche literarische Belege für
Studien zur Melanchthon-Rezeption, insbesondere des 19. Jahrhunderts:
Festreden, Schultheater, Belletristik, Streitschriften um
Denkmalsgestaltung, populäre Anthologien etc. Sie enthalten wichtiges
Material für die Wirkungsgeschichte Melanchthons, für die Kohärenz von
Reformation und Humanismus, die in seinem Werke eine paradigmatische
Ausprägung erfahren haben.
Die von Melanchthon 1530 verfasste Confessio Augustana bildet eine
eigene Signaturengruppe, die durch weitere evangelische
Bekenntnisliteratur ergänzt ist. Melanchthons Invariata, Variata,
Apologie und Corpus Doctrinae liegen vor, vor allem spätere Nachdrucke
insbesondere des 17. und 18. Jahrhunderts, die Einblicke in die
evangelische Lehrentwicklung bieten. Insgesamt 188 Titel (davon 162 aus
dem 16. bis 19. Jahrhundert) sind hier zusammengestellt. Ein Exemplar
(C 127) wurde von Johannes Noricus als Stammbuch verwendet und ist bei
Wolfgang Klose verzeichnet. 176 Bände, die sich vorrangig mit dem
Augsburgischen Bekenntnis beschäftigen, schließen sich an.
Die größte Sachgruppe umfasst 2507 Bände, vornehmlich von und zu
Luther, der mit 245 Drucken aus dem 16. Jahrhundert vertreten ist.
Herausragend ist eine Ausgabe des Galaterbriefes (Wittenberg 1516), die
von einem Studenten als Grundlage für die Vorlesung Luthers (1516/17)
benutzt und mit Marginalien nach Diktat Luthers versehen wurde.
Hinzuweisen ist außerdem auf das Septembertestatment, die im September
1522 gedruckte erste Ausgabe von Luthers Übersetzung des Neuen
Testaments, bei der Melanchthon vor allem in Fragen des griechischen
Quellentextes und der Realienkunde sein wichtigster Helfer war. Die
Sachgruppe umfasst daneben Werke anderer reformatorischer und
humanistischer Gelehrter der frühen Neuzeit und ermöglicht Forschungen
zum Umkreis Melanchthons. An Ausgaben des 16. Jahrhunderts sind zu
nennen: Beza (9 Bände), Brenz (18), Bugenhagen (33 Bände), Bullinger
(32), Calvin (51), David Chyträus (17), Erasmus (60), Flacius (29),
Oecolampad (19), Peucer (12, mit seltenen Ausgaben des Commentarius de
praecipuis generibus divinationum), Strigel (9).
Zum Umkreis gehören ebenfalls die Schriften der dezidierten Gegner
der Reformation mit einem geringeren Anteil am Gesamtbestand (159
Bände); hervorzuheben ist die Sammlung von Drucken Witzels (19 Bände)
und Schatzgeyers (8).
In den Abteilungen Reformationsgeschichte (946 Bände), Buchdruck
(170 Bände) und Verschiedenes (411 Bände) sind u.a. wichtige
Nachschlagewerke und Forschungsliteratur zum 16. Jahrhundert vorhanden,
u.a. Panzers Annales, Jöchers Gelehrtenlexikon, Georg Wills
Nürnbergisches Gelehrtenlexicon, die Matrikel verschiedener
Universitäten und Werkverzeichnisse zu Beza, Brenz, Bugenhagen, Luther,
Oecolampad, Osiander und Reuchlin. Die Abteilung Kunst enthält 214
Bände, überwiegend Museums- und Ausstellungskataloge. Zusätzlich wurden
in den letzten Jahren die Abteilungen Philosophiegeschichte (158 Bände)
und Theologiegeschichte (193 Bände) geschaffen. Sie enthalten
überwiegend neuere Forschungsliteratur. Neben den Büchern gibt es noch
die Gruppe der sogenannten Kapselschriften (3979Einheiten). Es handelt
sich hierbei um Zeitschriften- und Zeitungsaufsätze zur
Melanchthonforschung, Sonderdrucke, sowie sonstige Veröffentlichungen
in Heftform. Außerdem stehen Sammlungen von Münzen, Graphiken und
Handschriften als ergänzende Materialien zur Verfügung.
Alphabetischer Katalog in Zettelform, geordnet nach Verfassern, bzw. Titel (bei keinem oder mehr als drei Verfassern) (bis 2005)
Standortkatalog in Zettelform, geordnet nach Standorten/Signaturengruppen (bis 2005)
Chronologische Kataloge
Melanchthons Werke in chronologischer Folge, maschinenschriftlicher Listenkatalog
Literatur über Melanchthon 1970 - 2000 in chronologischer Folge, Zettelkatalog
c. Weitere Verzeichnisse und Beschreibungen der Bestände
Standortkatalog in Tabellenform, geordnet nach Signaturen/Sachgruppen (ab 2006)
Beuttenmüller, Otto: Vorläufiges Verzeichnis der Melanchthon-Drucke
des 16. Jahrhunderts, Halle, 1960 (Drucke bis einschließlich 1524)
Koehn, Horst: Philipp Melanchthons Reden. Verzeichnis der im 16.
Jahrhundert erschienenen Drucke, Frankfurt/M., 1985 (Das VD 16, Bd. 13,
Stuttgart, 1988, nennt bei den Melanchthon-Drucken nur für zwei Titel
das Melanchthonhaus als Standort (M 3523, M 3589))
Meisinger, Karl A.: Eine kurze Beschreibung der Handschriften
In: Archiv für Reformationsgeschichte, 24 (1927), S. 22-97
Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Bibliothek
a. Archivalien
Im Melanchthonhaus werden außer dem (durchgängig geführten)
Inventarverzeichnis, das den Eingang und die jeweiligen Donatoren
belegt, die Protokolle der Vorstandssitzungen und der
Generalversammlungen des Melanchthonvereins Bretten, des Trägers des
Melanchthonhauses, die Korrespondenzordner und die einschlägigen
Zeitungsartikel gesammelt und aufbewahrt. Im Stadtarchiv Bretten geben
die Faszikel 1424-1426, A 3433 und A 4428 Auskunft über die Geschichte
des Melanchthonhauses (Museum, Bibliothek).
b. Darstellungen
Anon.: [ohne Titel]. In: Zeitschrift für Bücherfreunde, 1 (1897/98), Heft 12, S. 652
Müller, Nikolaus: Festschrift zur Feier der Einweihung des Melanchthon-Gedächtnishauses zu Bretten, Bretten, 1903
Anon.: [ohne Titel]. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen, 21 (1904), S. 77 f.
Beuttenmüller, Otto: 30 Jahre Melanchthon-Museum. In: Der
Pfeiferturm. Beilage zur Heimatgeschichte & Volkskunde Brettens und
seiner Umgebung (Beilage zur Brettener Zeitung), 1 (1933), Heft 10, S.
70 f.
Beuttenmüller, Otto: Das Melanchthon-Gedächtnishaus in Bretten. Das
Museum und die Bibliothek. In: Georg Urban (Hrsg.): Philipp Melanchthon
1497 - 1560, Bretten, 1960, S. 191-194
Uhlig, Eckehard: Melanchthon und Bretten - eine Spurensuche. In:
Stefan Rhein (Hrsg.): Melanchthonpreis. Beiträge zur erste Verleihung
1988, Sigmaringen, 1988 (Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten ; Bd.
1), S. 89-99
Rhein, Stefan: Melanchthon, Melanchthonstadt Bretten und das
Melanchthonhaus. In: Melanchthonstadt Bretten. Stadtinformation.
Wissenswertes über die große Kreisstadt im südlichen Kraichgau,
Karlsruhe, 1989, S. 27-29
Veröffentlichungen zu den Beständen
Hammer, Wilhelm: Die Melanchthonforschung im Wandel der Jahrhunderte. Gütersloh, Bd. 1-3 (1967-81), Bd. 4 Register (1996)
Klose, Wolfgang: Corpus Alborum Amicorum (CAAC), Stuttgart, 1988, S. 141 [über C 127]
Neuser, Wilhelm H.: Bibliographie der Confessio Augustana und
Apologie 1530-1580, Nieuwkoop, 1987 [zu 33 Titeln wird Bretten als
Standort genannt]
Rabenau, Konrad von: Melanchthonbuch aus der Bibliothek des
Reformators. In: Brettens Neueste Nachrichten, Nr. 166, vom 22./23.
Juli 1989, S. 25 [zu M 125]
Diese Beschreibung der Melanchthonhaus-Bibliothek stammt von
Stefan Rhein. Sie wurde dem Handbuch der historischen Buchbestände in
Deutschland (Hildesheim [u.a.], Bd. 7, 1994, S. 70-73) entnommen. Eine
aktualisierte Fassung wurde von Günter Frank in den Mitteilungen der
D.Dr. Otto-Beutenmüller-Bibliothek der Stadt Bretten (Jg. 2, Heft 3,
Mai 1999, S. 13-14) veröffentlicht. Für die vorliegende Online-Fassung
wurden die Bestands- und Katalogangaben von der Bibliothekarin komplett
überarbeitet und ergänzt (Januar 2001). Aktualisiert (Januar 2005).